[Thema: Mit ungebrochen rasantem Wachstum drängt Indien auf die wirtschaftliche Weltbühne.
Erschienen in: Der Standard, 11. Februar 2006]

Das Wirtschaftswunder des "weisen Elefanten"

Der Schatten Chinas überdeckte lange Zeit das andere Wirtschaftswunder der Welt: Indien, dessen Wachstum ungebrochen seit Jahren bei sieben Prozent liegt.



Helmut Spudich

Mumbai – Es fällt dem Neuankömmling aus Europa, der wie die meisten Langstreckenreisenden mitten in der Nacht in Mumbai (dem früheren Bombay, das auch viele Inder immer noch so nennen) landet, nicht auf dem ersten Blick auf. In der Luft liegt der Benzingeruch starker Luftverschmutzung. Die Flughafenanlagen sind wie auf allen indischen Airports hoffnungslos überaltert, vor dem Ausgang drängen sich hunderte Menschen darum, den Koffer um einige Rupien ein Stück zu tragen. Schlechte Straßen führen durch schier endlose graue Slums ins Zentrum.

Aber das Land befindet sich seit vielen Jahren in einer wirtschaftlichen Aufbruchsstimmung, die es schon in wenigen Jahren zum größten Konsummarkt der Welt machen könnte. "Inder sind Geschichtenerzähler, und die wirtschaftliche Geschichte ist die von drei Zahlen: Eins, 3,5, und sechs", sagt Gurcharan Das, früherer CEO von Procter & Gamble India, heute gefragter Wirtschaftsberater und Autor ("India Unbound" - entfesseltes Indien).

Demokratisches Limit. Ein Prozent betrug das Wachstum Indiens von 1900 bis 1950, 3,5 Prozent in der "sozialistischen Ära" von 1950 bis 1980, sechs Prozent seit der Reformperiode ab 1980 - zuletzt sogar sieben Prozent. "In den nächsten Jahren wird es sieben, bei drastischen Reformen sogar acht Prozent sein, aber mehr geht in einer Demokratie nicht", sagt Das und beschreibt damit einen Unterschied zu Chinas zentralistischem Entwicklungsmodell. "Indien wird nie ein Tiger sein, sondern ein ,weiser Elefant' - aber bei sieben Prozent Wachstum ist das ein gewaltiges Biest." Was für zusätzlichen Schub sorgen wird: "Unser Bevölkerungswachstum ist aufgrund der Alphabetisierung auf 1,5 Prozent zurückgegangen, die Alphabetisierung wächst doppelt so schnell wie die Wirtschaft." Die mehrheitlich junge Bevölkerung (56 Prozent unter 25 Jahren) sei darum weiteres Potenzial, da sie aufgrund des starken Wachstums beschäftigt werden kann.

"Die große Story ist, dass unsere Mittelschicht explodiert", lange Zeit aufgrund des "sozialistischen Modells, dem wir folgten, unterdrückt": Gerade 80 Millionen Menschen wurden 1980 dazugerechnet, derzeit sind es fast 300 Millionen bei knapp mehr als einer Milliarde Einwohner. Im Gegenzug habe seit 1980 jährlich ein Prozent der Bevölkerung den Sprung über die Armutsgrenze geschafft, und der Trend halte an. Dementsprechend wuchsen die Pro-Kopf-Ausgaben in den letzten vier Jahren jährlich 30 Prozent.

Dabei gibt es ein interessantes Phänomen: "Unser Wachstum ist ohne Spielzeug- und Textilindustrie entstanden, keiner kann es wirklich erklären", sinniert Das, der in Harvard Philosophie studierte. "Unsere High-End-Produktion ist erfolgreich, die arbeitsintensive Low-End-Fertigung entzieht sich Indien." Während China und andere asiatische Staaten aufgrund von Fertigung und deren Export boomen, scheint sich Indien fast nahtlos von einer Agrar-zu einer Dienstleistungsgesellschaft zu entwickeln.

Aber es gibt Hindernisse: Die marktwirtschaftlichen Reformen gehen nur zögerlich voran, Indiens Infrastruktur kann mit dem Wachstum nicht Schritt halten, allein der Energiesektor produziert über zehn Prozent weniger Strom, als das Land braucht und es kommt immer wieder zu Ausfällen - und fast ein Viertel des Stroms wird gestohlen, was private Investoren vor dem Aufbau von Kapazitäten abschreckt. "Man kann nicht mehr Klimaanlagen verkaufen, wenn Strom ausfällt, oder mehr Waschmaschinen, wenn die Wasserversorgung nicht ausreicht", beschrieb der Präsident von Haier India, T.K. Banerjee, Wachstumshürden bei einer Reuters-Konferenz dieser Tage.

Das sieht diesen "Preis der Demokratie" gelassen: "Indiens Wohlstandsentwicklung läuft auf Autopilot, unsere Wirtschaft wächst in der Nacht, während die Regierung schläft." Sobald die Mittelklasse mehr als 50 Prozent der Bevölkerung ausmache, würde sich auch die korrupte Politik ändern.

Die Verbindungen zwischen armen und reichen Ländern, die es zuvor nicht gegeben habe, "sind der Grund, warum China und Indien aufsteigen", ist Das überzeugt, "wir nennen das Globalisierung. Man erfindet das Rad nicht zweimal, man nimmt es einfach und verwendet es".


[ © 2006 Der Standard, Helmut Spudich ]