[Thema: Die PISA-Studie über Schwächen des heimischen Schulsystems bringt Vorschläge für eine bessere Schule zum Blühen. Nur wie man dort hin kommt ist kaum ein Thema.
Erschienen in: Raika-Zeitschrift Leibnitz, 1. März 2005]

Schule in Schieflage

Eigentlich ist es ja nur das klingende Kürzel, wie sie als Name für Programme internationaler Organisationen seit langem in Mode sind. Aber hätte man ein plastisches Bild für den Zustand der Schule gesucht, PISA (Programme for International Student Assessment, das Programm zur internationalen Schülerbewertung) wäre dabei herausgekommen.

Helmut Spudich

Unsere Schule ist seit vielen Jahren in Schieflage, so wie der berühmte Turm: Sie steht deswegen trotzdem ganz gut, rutscht permanent ein bisschen mehr in die Schräge, und wenn's wieder allzu sehr nach Einsturz ausschaut lässt sich die Bildungspolitik ein paar Maßnahmen einfallen, die man wie ein Stahlseil um den Bildungsturm legt um ihn mit viel Kraft wieder ein bisschen aufzurichten.

Wenn ich sage "unsere" Schule, dann ist das nicht nur die heimische – man braucht nur auf Urlaubs- oder Geschäftsreisen ein wenig durch die Zeitungen in anderen Ländern blättern und wird sehen: Dieser Zustand ist weit verbreitet, fast könnte man sagen: eine weltweite Beschäftigung. Diese Bestandsaufnahme soll aber nicht davon ablenken, dass die aktuelle Pisa-Studie ihr gutes hat: Wenigstens auf eine gewisse Zeit ist sie ein nützlicher Stachel im Fleisch der heimischen Bildungspolitik, die sich seit Jahrzehnten im Kreis dreht. Dabei mangelt es nicht an guten, interessanten Vorschlägen, wie Schule weiter entwickelt werden könnte. Aber offenbar ist Schule gegen Änderungen sehr resistent, um nicht zu sagen immun. In ihren Grundstrukturen hat sie sich seit ihrer Erfindung wenig geändert: Reformer wie Montessori oder Pestalozzi waren immer Außenseiter, deren Ideen bestenfalls in homöopathischen Dosen aufgegriffen wurden.

Das sollte uns eigentlich in erster Linie zum Nachdenken darüber bringen, wie Änderung im System Schule überhaupt möglich ist – Ideen sind genügend da, aber bei der Umsetzung erinnert das System fatal an die Verstaatlichte am Ende ihrer Zeit: Das Management wirft laufend neue Konzepte oben ein, unten kommen die selben Defizite heraus. Was die Verstaatlichten letztlich zur Änderung gezwungen hat war zweierlei: Das Ende der Bereitschaft, jede Art von Defizit abzudecken, und die Konkurrenz, die nicht zuletzt dank der neuen Spielregeln in der EU zu neuen Angeboten führten, die auch die vorhandenen Betriebe zu einer Anpassung und damit Verbesserung gezwungen haben. Möglich wurde das, weil sich die Politik unter diesem Druck letztlich doch dazu bequemte, sich aus der Führung der verstaatlichten Betriebe (weitgehend) zurückzuziehen.

Diese Einsicht auf die Schulen zu übertragen ist zwar aufgrund der anderen Natur von Bildung ungewöhnlich, aber nicht unmöglich. Die Defizite sind großteils ideell und nicht materiell, was den Druck zur Änderung geringer macht (obwohl natürlich Defizite des Systems zu höheren Kosten führen, oder dazu führen, dass mit den aufgewendeten Kosten nicht das beste Ergebnis erreicht werden kann). 

Auch im Schulbereich sollte sich der Staat aus der Führung der Betriebe zurückziehen. Das bedeutet nicht einen Rückzug aus der Verantwortung des Staates für die Bildung und Ausbildung: Wie bisher müssen Fragen der Länge der schulischen Ausbildung (bezeichnenderweise wird das Recht auf Schule als Pflicht definiert), der Inhalte, der sozialen Strukturen von Schulen (zum Beispiel die Verpflichtung, Schüler unterschiedlichen sozialen Hintergrunds oder mit Behinderungen aufzunehmen) gesetzlich klar geregelt sein. Und natürlich hat der Staat unverändert die Verantwortung, dies zu finanzieren, dafür zahlen wir ja alle unsere Steuern.

Aber der Betrieb sollte getrennt davon geführt werden: Wie diese Ziele am besten zu erreichen sind, bestimmen die Schulen selbst – und über Zufriedenheit und Qualität der Schulen entscheiden die "Kunden", also Kinder, Jugendliche und ihre Eltern, die dort hin gehen, wo sie ein gutes Bildungsservice erwarten und bekommen. Diese "Kunden"  bringen das nötige (staatliche) Geld für den Betrieb, was bedeutet: Gute Schulen, die viele Schüler anziehen, bekommen mehr Geld, schlechte Schulen müssen sich überlegen, wie sie besser werden um genug Schüler (=Einkommen) zu haben. Hart ausgedrückt: Änderungsunwillige Schulen werden Marktanteile verlieren, gute Schulen diese Marktanteile gewinnen. Bei großer Nachfrage können sie neue Schulen gründen oder schlechte zur Sanierung übernehmen.

Für die Schulen wäre dies ein radikaler Systemwechsel: Nicht so sehr, was ihre Inhalte, sondern die Verlässlichkeit ihrer Performance betrifft. Gut möglich, dass wie frühere Monopole in der EU auch das staatliche Bildungsmonopol nur international auflösbar ist – durch eine Neuregulierung des Schulsektors. Aber warum soll das, was uns bessere Telefondienste und niedrigere Gebühren gebracht hat, nicht auch in einem Nonprofitbereich funktionieren?


[ © 2005 Helmut Spudich ]